Die Familiengeschichte des Hubertushofs

1821-1915 Industriellendynastie Tenge

Kapitel 1: 1821 bis 1915 – Der Aufstieg der Industriellendynastie Tenge

Ort: Schloss Holte und Rittergut Niederbarkhausen (Senne / Teutoburger Wald, Westfalen)

Der Grundstein für das enorme Familienvermögen wird im Jahr 1821 gelegt. Dagmars Urgroßvater, Friedrich Ludwig Tenge, kauft den letzten Fürsten von Kaunitz und Rietberg die gesamte Grafschaft Rietberg sowie das im Jahr 1616 erbaute Jagdschloss Holte ab.

  • Das Industrie-Imperium: Tenge erweist sich als weitsichtiger Unternehmer. Er gründet die Holter Eisenhütte, die Glasfabrik in Marschallshagen und die Papiermühle in Dalbke. Per Testament teilt er seine Besitztümer später als unteilbare Güter (Fideikommiss) unter seinen drei Söhnen auf.
  • Die nächste Generation: Dagmars Vater, Harald Tenge, übernimmt die Eisengießerei in Schloss Holte. Im August 1894 heiratet er Elisabeth Scheidt, die Tochter eines wohlhabenden Tuchfabrikanten aus Kettwig an der Ruhr. Da im Schloss noch ein Onkel mit Familie wohnt, baut das junge Paar direkt nebenan ein für damalige Verhältnisse hochmodernes, großes neues Elternhaus. Am 27. März 1906 wird dort die Tochter Dagmar geboren.
  • Der Erste Weltkrieg: Das Familienglück zerbricht jäh im Ersten Weltkrieg. Dr. Harald Tenge zieht als Major der Reserve an die Front. Am ersten Weihnachtstag 1915 stirbt er in einem Berliner Krankenhaus an den Folgen einer schweren Blinddarmoperation.

Kapitel 2: ca. 1910 bis 1920 – Dagmars unbeschwerte Kindheit im Holter Wald

Ort: Jagdschloss Holte und die Holter Eisenhütte

In ihren 1976 niedergeschriebenen Memoiren blickt Dagmar auf eine abenteuerliche und privilegierte Jugend im Wasserschloss zurück:

  • Spuk im Schloss: Da das Schloss zeitweise leer steht und es noch kein elektrisches Licht gibt, nutzen Dagmar und ihre Brüder die unheimliche Atmosphäre an dunklen Herbstabenden für Gespentspiele mit weißen Betttüchern und Kerzen im großen Saal. Begleitet wird das Treiben vom lauten, geräuschvollen Schlagen der alten Turmuhr.
  • Zwischen Hochöfen und Räuberhöhlen: Sonntags, wenn die Maschinen der familieneigenen Eisengießerei stillstehen, dient das Werksgelände den Kindern als riesiger Spielplatz für „Räuber und Gendarm“. Sie klettern heimlich auf die flachen Dächer der Schuppen, bis die Arbeiter schimpfen.
  • Die Schlossinsel: Auf dem Schlossteich veranstalten die Geschwister Wasserschlachten mit Kähnen und einem Kanu. Auf einer kleinen Insel im Teich bauen die Brüder ein kleines Häuschen samt Steinkochstelle, wo sie frisch gefangene Stichlinge in der Pfanne braten. Wenn Dagmar alleine ist, sucht sie in den Büschen nach Entennestern oder liest im Schatten der Bäume auf dem Wasser.

Kapitel 3: 1922 bis 1935 – Neue Wege, Heirat und Sorgen in Übersee

Ort: Kettwig an der Ruhr, Taunus und die Kaffeepflanzung Capungo (Angola)

Nach dem Tod des Vaters verändert sich die Familienstruktur:

  • Die v. Belows: Die Mutter Elisabeth heiratet im April 1922 in zweiter Ehe den Rittmeister Wendelin Werner v. Below. Die Familie verlagert ihren Lebensmittelpunkt zeitweise auf Schloss Birnfeld in Unterfranken. Dagmar besucht das Lyzeum in Bielefeld und absolviert eine landwirtschaftliche Ausbildung.
  • Gründung des Hubertushofs: Am 30. Juli 1927 heiratet Dagmar den katholischen Förstersohn Fritz Steiner aus dem Saarland. Das Paar zieht nach Niederjosbach im Taunus und gründet dort den Hubertushof. Hier kommen in den Folgejahren die drei Kinder Hans Gerald (1927), Dagmar (1931) und Ingeborg (1933) zur Welt.
  • Das Abenteuer Angola: Während Dagmar im Taunus eine Familie gründet, zieht es ihren ältesten Bruder Jost Henrich („Josti“) nach Afrika. Er baut sich in der portugiesischen Kolonie Angola eine Existenz als Kaffeepflanzer auf. Ein Brief des Verwandten Irmend Tenge aus dem Jahr 1935 berichtet von harten Zeiten in den Kolonien, bürokratischen Schikanen der Portugiesen, korrupten Landmessern und akuter Geldnot der deutschen Siedler vor Ort.

Kapitel 4: 1940 bis 1947 – Weltkrieg, Existenzkrise und Entnazifizierung

Ort: Der Hubertushof in Niederjosbach (Taunus) und die Westfront

  • Der Rat an der Front: Im Mai 1940, zu Beginn des Westfeldzugs, schreibt Dagmars zweiter Bruder Harald (Gerald) – mittlerweile Wehrmachtssoldat – einen dringenden Feldbrief. Der Hubertushof steckt in einer wirtschaftlichen Krise. Gerald rät Fritz und Dagmar vehement von einem überstürzten Verkauf des Hofes ab. Er empfiehlt stattdessen, die anstrengende Landwirtschaft herunterzufahren und auf die Beherbergung von Pensionären
  • Der Persilschein (1947): Die Familie übersteht den Krieg, gerät danach jedoch in politische Bedrängnis. Dagmars Mutter, Frau v. Below, war in der NS-Zeit als lokale Frauenschaftsleiterin Im Dezember 1947 droht ihr im Entnazifizierungsverfahren die Bestrafung. Die treue Haushaltshilfe des Hubertushofs, Maria Gräber, rettet die Familie: Sie stellt eine eidesstattliche Erklärung aus, dass Frau v. Below ein durchweg sozialer Mensch gewesen sei und sie nie politisch unter Druck gesetzt habe. Niederjosbachs Bürgermeister Zimmermann beglaubigt das Dokument – der Hof bleibt im Besitz der Familie.

Kapitel 5: Nach 1947 bis 1976 – Die Rettung des Hofes als Kinderpension

Ort: Hubertushof, Niederjosbach (Taunus) und Ruhpolding (Oberbayern)

  • Der Hubertushof als Landschulheim: In den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren setzt Dagmar Steiner den alten Plan ihres Bruders erfolgreich um. Sie wandelt den Hubertushof in eine Kinderpension für Stadtkinder im Alter von 4 bis 14 Jahren um. Sie wirbt bei städtischen Eltern mit der idyllischen Taunusluft, familiärem Anschluss und gesunder Verpflegung durch Milch der eigenen, garantierten tbc-freien Kühe. Dank der hervorragenden Bahnanbindung nach Frankfurt können die Kinder sogar langfristig auf dem Hof leben und die Schulen der Umgebung besuchen. Das Konzept sichert das wirtschaftliche Überleben der Familie im Wiederaufbau.
  • Der Lebensabend: Viele Jahrzehnte später schließt sich der Kreis. Am Februar 1976, inzwischen 70 Jahre alt, sitzt Dagmar Steimer im oberbayerischen Ruhpolding und tippt ihre glücklichen Kindheitserinnerungen an das alte Wasserschloss in Westfalen ab – das Vermächtnis einer Familie, die zwei Weltkriege, Weltwirtschaftskrisen und immense gesellschaftliche Umbrüche erfolgreich überstanden hat.